Kurioses aus unserem Kirchenleben

Die Selbsttaufe zu Hahnstätten

Ein paar Sonntage nach Weihnachten sitzt der kleine Kai mit seinen zwei Jahren als stolzer Täufling in der Hahnstätter St. Nikolaus Kirche. Da erblickt er die Taufschale. Aus ihr dampft das angewärmte Taufwasser. Neugierig steht er im ersten Lied auf und ehe er aufzuhalten ist, hält er schon die Taufschüssel in der Hand, um nachzusehen, was da so vor sich hindampft. Das Wasser schießt ihm über den Kopf. Einen Moment ist alles ganz still. Dann fängt Kai an zu schreien. So hat er sich seine Taufe dann doch nicht vorgestellt. An diesem Tag ging es dann mit der eigentlichen Taufe ganz besonders schnell, damit der kleine Kai nicht noch krank wurde.

Diese Taufe war etwas besonderes, denn wer kann schon von sich behaupten, er hätte versucht, sich selbst zu taufen.

(von Pfarrer Robert Kuhn-Ristau)

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Herr, erbarme dich!

Rettert und Ackerbach, heute von einem Pfarrer seelsorgerisch betreut, gehörten früher zwei getrennten Kirchspielen an. In beiden Kirchdörfern hatten sich deshalb im Laufe der Zeit unterschiedliche Liturgieformen im Gottesdienst entwickelt. Ein Lektor aus einer anderen Gemeinde hatte an einem Sonntag in beiden Kirchen im Gottesdienst den erkrankten Pfarrer zu vertreten. Er notierte sich, um keinen Fehler zu machen auf einem Zettel die wichtigsten Stichworte zu den Unterschieden im Gottesdienstablauf und legte diesen Zettel in seine Agende.So kam es, dass die Ackerbacher Küsterin zu ihrer Entrüstung nach dem Gottesdienst in der Sakristei einen Zettel mit der Notiz fand:

"Herr, erbarme dich nicht in Ackerbach."

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Von der Sonntagsheiligung

Zu Kaisers Zeiten noch fragte der Dekan Krämer in Dörsdorf in der Konfirmandenstunde die Buben, was denn den Sonntag vom Werktag unterscheide.Dauersch Heinrich wusste es. Er meldete sich, eifrig mit dem Finger aufzeigend und verkündete stolz:

"Sonntags wird der Hals gewaschen!"

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Das Zeichen

Er hieß Stern, und er stammte aus Ostpreußen. Er kam mit den vielen Heimatlosen, die man damals Ostflüchtlinge nannte, kam zu uns in den Einrich, fand auch einen Platz, zu leben und zu arbeiten.
Aber die schweren Kriegsjahre, die Schicksalsschläge und Wunden, der Kummer und das Leid, die Kriegsgefangenschaft und der Verlust der alten Heimat hatten ihn hart gemacht und verbittert. Er konnte nicht mehr lachen. Niemand sah ihn damals je heiter oder gar fröhlich vergnügt. Er hatte den Glauben an Gottes Gerechtigkeit und Güte verloren, und die Menschen, die seinem Walten noch vertrauten, waren ihm ein Greuel. Keiner sah ihn je in der Kirche, die Worte des Pfarrers, der ihn ab und zu besuchte, prallten an ihm ab.
Da fand sich nach Jahren seine Familie wieder ein. Mitfühlende Menschen sorgten für eine Wohnung. Endlich, nach langer dunkler Zeit, konnte er zusammen mit Frau und Kindern sich wieder einrichten in diesem Leben und versuchen, in dieser unvollkommenen Welt ein Quentchen Glück zu erhaschen. Seine Frau aber, ein frommes Wesen, hatte nie die Gewissheit verloren, daß ihr Geschick sich doch noch zum Guten wenden würde durch die Fügung des Herrn. Und sie redete ihrem Mann zu, ihm die Ehre zu geben, und jetzt, wo sich doch so sichtbarlich erwiesen habe, daß der liebe Gott im Himmel mit seinen Engeln sie durch alle Gefahr geleitet, beschützt und behütet habe, ihm zu danken für die glückliche Rettung.
Er sträubte sich zwar, seinen langgehegten Groll aufzugeben, an den er sich gewöhnt hatte wie an einen vertrauten Freund. Sie aber hörte nicht auf, ihn zu drängen. Vielleicht, so redete sie ihm zu, geschehe ein Zeichen, ja, gewiss, Gott mitsamt den himmlischen Heerscharen werde sich freuen, ihn in seinem Hause zu sehen und werden ihn mit einem Omen begrüßen, einem Erkennungszeichen zum Beweis seines Wohlgefallens. Und gerade jetzt zu Weihnachten sei dazu die beste Gelegenheit. Ist Weihnachten nicht das Fest der Zeichen und Wunder?
" Gut, " antwortete Stern schließlich, mehr um des lieben Friedens willen als aus Überzeugung.
"Warten wir's ab. Wenn das geschieht was Du sagst, sollst Du recht behalten. Dann will ich glauben, daß Gottes Finger das Zufällige lenkt. Wenn aber nicht, dann will ich kein Wort mehr von Gott und Kirche hören."
Am Sonntag nach Neujahr ging Stern zum Gottesdienst. Weil er sich aber genierte, sich nach so langer Zeit unter die Kirchgänger zu mischen, auch, weil er nicht auffallen wollte, zögerte er absichtlich auf dem Wege und verspätete sich. Er verpasste die Eingangsliturgie und trat zur hinteren Kirchentür ein, als der Pfarrer - der ihn über den Rand seiner Brille sehr wohl bemerkte - schon bei der Schriftlesung war.
Vorsichtig leise stieg er die Treppe zur Empore hinauf und stellte sich oben zwischen anderen Männern an die Brüstung der Empore, dem Altar, dem Pfarrer und dem Wort Gottes gerade gegenüber. Das Evangelium aber, das der Pfarrer aus dem zweiten Kapitel des Matthäus verlas, war die Geschichte von den drei Weisen aus dem Morgenland, die Christus suchten. Und genau in dem Augenblick, als Stern an der Emporenbrüstung erschien, blickte der Pfarrer von der Bibel auf, sah zu ihm und las laut und fröhlich den Vers 10:
       "Und als sie den Stern sahen, waren sie hocherfreut."
Da lief, erst zögernd, dann immer lauter ein Gelächter durch den hohen Raum. Alle blickten zu ihm hin. Das war es, sein Zeichen! Und Stern lachte mit. Zum erstenmal, seit er hier wohnte, sahen ihn die Leute lachen. Es war sein Zeichen, um das er mit seiner Frau gewettet hatte!
Er, der Eine, der Unendliche, er hatte mit ihm geredet! Er hatte ihn, Stern, bei seinem Namen genannt!
Und über sein lachendes Gesicht liefen Tränen der Freude.

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Alles mit Maßen

In Klingelbach kamen die Fünfundfünzigjährigen zum Jahrgangstreffen zusammen. Die Küsterin, am Samstagnachmittag auf dem Weg zur Kirche, begegnete einer Gruppe von Festgästen und fragte, ob sie ihnen im Sonntagsgottesdienst einige Bankreihen im Kirchenschiff reservieren solle.
"Naa," antworteten die Jubilare, "doas ist nit nierisch. Mer woarn jo oo(n) usserm Fuffzischste en de Kerch, un wenn mer de Sechzischste feiern, daa(n) giehn mer aach werre enenn. Mer solls nit iwwertreiwe."

nit nierisch = nicht nötig
aach = auch
werre = wieder
enenn = hinein
iwwertreiwe = übertreiben

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Pfarrbesoldung anno dazumal (1791)

"Und bekommt der dasige Pfarrer weiter keine Besoldung von hiesiger Gemeinde als nur die gewöhnlichen Accidentien (Gebühren) und zwar
1. von einer Ehe Versprechung 20 Kreuzer leicht
2. von einer Proclamation et Copulation (Aufruf und Hochzeit) 1 fl nebst einem Schnupftuch und das früstück a 3 bis 4 Pfund Rindfleisch, 1 Laib Brot, 1 Kuchen und 1 Maas Wein, oder statt deßen nach befinden der Umständ 1 Maas Bier,
3. von einer Taufe 30 Kreuzer
4. von der Leiche (Beerdigung) einer Alten 1 fl
5. von der Leiche eines Kindes ½ fl."

Der Chronist merkt an (1998):
"Die Pfarrer müssen damals einen guten Appetit gehabt haben."


Aus dem "Einricher Anekdotenbuch" von Manfred Keiling und Manfred E. Sprenger entnommen:

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Gedichte in Platt von Annakathrin Wild

Aus der Religionsstun

In der Religionsstun hot der Lehrer gefreht,
wer woat vo Martin Luther wisse dät.
Die Kenn hon sich besonne un üwwerleht,
awwer kaanem ebbes infalle dät.
Uff aamol sät det Gretche, die allgeschejt Krott:
"Dat wor dee, dee die 95 Prothese
o die Kerch geschloh hott!"

Der 90. Geburtstag

De Philipp is ner 90 worn,
vir neunzisch Johr is de geborn.
Do gob's ihr Leut vielleicht en Feier,
der Kenn wor dofür nix zu deuer,
die Kuche, Torde, die worn net ze zähle,
de ganze Ort kohm, un aach de Parrer dat net fehle.
"Was freute ich micht", er zu dem Philipp seet,
" wenn ich auch zu ihrem 100 Geburtstag
kommen tät!"
Do lacht de Philipp schlau:
"Herr Parrer, sie mit ihrner rude Backe,
Herr Parrer, ei dat kinde se noch packe!"

Heimatglocken

Mir dout's immer woat bedeute
wann vo der Kerch die Glocke läude!
Lejb is mir de voll Klang,
heimatlich mei Lewe lang,
un ich stiehn und bleiwe still,
weil de Klang ich hiern will.
Siwwe Uhr, die Zejt is do,
wu de Doag fängt richdich o;
Elf Uhr, huuch die Sonn steit nuff,
wei setze all det Esse uff;
Obendläude is de scheenst,
weil de rouhst un nimmi rennst.
Sunndog, feierlich dout's schalle
daß mer solle Einkehr halle.
Doch wie traurich schallt ihrn Klang,
ging en Mensch de letzte Gang,
da micht mer Gedange sich;
aamol läude se aach für mich!

Scherz bei Seit!

(Erlebnis aus der Konfirmandestunn)

Ich will mol ebbes verzähle,
wei werd emol gereed,
wei kimmt uus Konfirmandestonn
emol uff det Dabet!

Mir wor'n en nem biese Alder,
su richdich wille Pänz,
die Bouwe hadde geschoane Kipp,
mit Mädscher all Raddeschwänz,
un all hadde o der Fejs mir
su schwere Genohlde dro,
un jedes Mädche hat oach
e sawer Scherzje o!

Em Konfirmandesool do hon mir
us met der Bouwe geschlo,
weil die uus als met Hennerlist
o der Zipp gezobbelt ho,
un mir hon laut gekrische,
gegickelt un gelacht
bis uff amol uuse Perrer
die Soaldier uufgemacht.

Da kom e renn und reft nur:
"Jetzt Ruhe, Scherz bei Seit,"
Do hot det Bertache gedocht:
"Ich sein jo su gescheid"!
Un hot sei Scherz genomme
un o der Bennel gerobbt
un hot's zesommegekrembelt
hordich uff en Seijt gestoppt.

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